Autor: mowa

  • Vielleicht reichen ja auch 0,5 mg pro Tag.

    Vielleicht reichen ja auch 0,5 mg pro Tag.

    Endlich kann ich mich wieder meiner Website widmen. Mein letzter Blogeintrag liegt drei Monate zurück.

    Kurz nachdem ich das Aripiprazol, das ich seit Januar von 1 mg auf 0,7 mg pro Tag reduziert hatte, Anfang März vollständig abgesetzt hatte, bekam ich einen schweren Neurodermitisschub. Er war so heftig, dass ich in der Hautklinik notbehandelt werden musste.

    Inzwischen geht es meiner Haut deutlich besser und sie scheint sich langsam zu stabilisieren. Ich war vier Wochen krankgeschrieben und musste all meine Aktivitäten auf einmal pausieren.

    Diese Pause hat mir gutgetan. Sie hat mir gezeigt, dass ich die Prioritäten in meinem Leben dringend neu ordnen muss. Ich muss und will meine Zeit anders verbringen.

    Ich habe mir vorgenommen, noch stärker auf meine Gesundheit zu achten und meine freie Zeit, wenn ich nicht arbeite, mit meiner Familie zu verbringen. Eine Ausnahme mache ich nur für meine Nachhilfeschülerin. Wir beschränken uns auf zwei Stunden am Samstag.

    Das meiste davon habe ich bereits umgesetzt. Ich merke deutlich, wie positiv sich das auf meine Familie und meine Arbeit auswirkt. Auch ich selbst bin entspannter und kann bewusster denken, fühlen und handeln.

    Was meine Aripiprazoldosis betrifft: Ich hatte das Medikament zwei Monate lang abgesetzt. Seit einem Monat nehme ich es wieder, allerdings nicht meine Basisdosis von 1 mg pro Tag, sondern 0,5 mg. Ich merke, dass ich den Alltagsstress noch nicht ganz ohne Neuroleptikum bewältigen kann.

    Ob ich die kommenden Monate mit 0,5 mg auskomme, weiß ich noch nicht. Ich spüre einen deutlichen Unterschied zu 1 mg, aber auch zu 0 mg. Jedes Zehntel Milligramm weniger macht sich bemerkbar. Und ich bin zutiefst dankbar für jedes Zehntel, das ich nicht nehmen muss, weil ich dann mehr ich selbst bin.

    Das Neuroleptikum betäubt das, was ich bin und was ich denke, fühle und tue, wenn ich es nicht nehme. Dadurch lebe ich ein Stück weniger. Menschen, die das nicht selbst erlebt haben, verstehen nicht, wie schlimm es ist, sich selbst nicht zu sein.

    Nach wie vor werde ich mich dafür einsetzen, dass Psychiatrien und Psychiaterinnen und Psychiater Menschen mit Psychoseanfälligkeiten dabei unterstützen, mit möglichst niedrigen Dosen von Neuroleptika und anderen Psychopharmaka zu leben.

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  • Mein zweiter Artikel bei Mad in Deutschland (März 2026)

    Mein zweiter Artikel bei Mad in Deutschland (März 2026)

    Heute Morgen erschien mein zweiter Artikel bei Mad in Deutschland.

    Es war mir sehr wichtig, meinen Bericht über positive Erfahrungen in der Psychiatrie gerade dort zu veröffentlichen. Kritik am psychiatrischen Versorgungssystem braucht Raum, genauso wie die Bereitschaft zum Dialog.

    Mad in Deutschland vereint beides. Das verdient mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung.

    Hier klicken, um den Inhalt von madindeutschland.org anzuzeigen.

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  • Mein Artikel bei Mad in Deutschland (März 2026)

    Mein Artikel bei Mad in Deutschland (März 2026)

    Hier klicken, um den Inhalt von madindeutschland.org anzuzeigen.

    Die deutsche Fassung meines Artikels „Gemeinsam leben – mit mehr Resilienz und weniger Psychopharmaka“ ist heute Morgen bei Mad in Deutschland erschienen. Die englische Version, hervorragend übersetzt von meinem Kollegen Dr. John Wray, war bereits vor drei Jahren bei Mad in America erschienen.

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  • Ich habe abgesetzt.

    Ich habe abgesetzt.

    Zum vierten Mal seit 2016.

    Meine minimale Grunddosis von 1 mg Aripiprazol pro Tag habe ich mehr als sechs Jahre lang gehalten. Vor zwei Monaten begann ich erneut zu reduzieren – zunächst auf 0,9 mg täglich, vor zwei Wochen dann auf 0,8 mg. Vor drei Tagen habe ich schließlich ganz abgesetzt.

    Auch im vergangenen Jahr gab es ernste Krisen, doch blieb ich ohne Anzeichen von Psychosen. Es schien an der Zeit zu prüfen, ob ein weiterer Absetzversuch möglich ist.

    Die Nebenwirkungen – bei mir sind das Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit und ein fehlendes Sättigungsgefühl – sind bei 1 mg täglich zwar erträglich. Dennoch würde ich immer wieder versuchen, so wenig Neuroleptika wie möglich zu nehmen. Ganz einfach, weil ich so sehr wie möglich ich selbst sein und mich intensiv spüren möchte.

    Die Heilung von Psychosen hat sich für mich manchmal angefühlt wie das Erwachen aus einem Rausch, eine Rückkehr in die Ernüchterung. Das Absetzen des Neuroleptikums wirkt ein wenig so, als würde ich mir den Gips vom Bein lösen, nachdem der Bruch verheilt ist.

    Psychotische Symptome bemerke ich keine. Nur eine leicht veränderte Wahrnehmung – als müsste ich noch ein letztes Stück ernüchtern.

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  • In Dialogue on Mental Health (November 2025)

    In Dialogue on Mental Health (November 2025)

    *** English ***
    I’m very happy to share the first episode of our new In Dialogue on Mental Health interview series, created collaboratively within the Mental Health Working Group of the Max Planck PostdocNet.

    My sincere thanks to Prof Joachim Spatz – for his openness in the conversation, for our long‑standing collaboration, and for the support that has played a decisive role in my recovery.

    My thanks also go to the PostdocNet for making this series possible!

    *** Deutsch ***
    Ich freue mich sehr, die erste Folge unserer neuen Interviewreihe Im Dialog über mentale Gesundheit zu teilen, die in gemeinsamer Arbeit innerhalb der Mental Health Working Group des Max Planck PostdocNet entstanden ist.

    Mein herzlicher Dank gilt Prof. Joachim Spatz – für seine Offenheit im Gespräch, für unsere langjährige Zusammenarbeit und für die Unterstützung, die eine entscheidende Rolle in meinem Genesungsprozess gespielt hat.

    Mein Dank geht außerdem an das PostdocNet, das diese Reihe möglich gemacht hat!

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  • Still There / Digital / 01. Februar 2026

    Still There / Digital / 01. Februar 2026

    Wer entscheidet über mich?
    Ob ich ich selbst sein kann.
    Will. Darf. Muss. Soll.

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  • In Heilung denken

    In Heilung denken

    Bei körperlichen Wunden ist „Heilung“ ein selbstverständlicher Begriff. Kein Arzt und keine Ärztin erwartet dabei Perfektion oder Spurlosigkeit. Narben gehören zur Heilung dazu, ebenso bleibende Empfindlichkeiten. Bei Psychosen und Schizophrenie hingegen habe ich von keinem Psychiater und keiner Psychiaterin bis heute gehört, dass er oder sie von „Heilung“ spricht. Stattdessen ist die Rede von Stabilisierung, Management und Recovery. Heilung scheint hier etwas zu sein, das man nicht in den Mund nimmt. Diese sprachliche Zurückhaltung wirft für mich die Frage auf, warum wir bei seelischen Wunden und Schmerzen weniger zu hoffen wagen als bei körperlichen.

    Psychopharmaka können beruhigen, schützen und Überforderung vorbeugen und damit den Heilungsprozess unterstützen. Problematisch wird es dort, wo Stabilisierung nicht als Übergang, sondern als Dauerzustand verstanden wird, ohne mit den Betroffenen über Genesungs- oder Entwicklungsperspektiven zu sprechen. In einem Zustand verfestigter Beruhigung sehe ich eine Behinderung des Heilungsprozesses. Denn Wunden und Schmerzen müssen sichtbar werden, und ihre Ursachen müssen verstanden sein, bevor sie heilen können.

    Für mich ist Gesundheit keine ärztliche Zuschreibung. Ich habe früh erlebt, dass mir Gesundheit bescheinigt wurde, während ich antriebslos, gleichgültig und adipös war. Heute, mehr als zehn Jahre später, empfinde ich mich als gesund und geheilt – deutlich spürbar auf meinem persönlichen Kontinuum. Für mich ist jemand geheilt, wenn er oder sie es selbst körperlich und psychisch spürt und es weiß. Gerade für Schizophreniebetroffene ist das schwierig, weil in akut-wahnhaften Phasen der eigenen Wahrnehmung nicht getraut wird und dieses Misstrauen oft bestehen bleibt. Umso wichtiger ist es, wieder zu erlernen, die eigene Wahrnehmung mit der Wirklichkeit abzugleichen und sich selbst zu vertrauen.

    Heilung geschieht nicht isoliert. Sie geschieht im Zusammenleben: im persönlichen Umfeld, in Beziehungen, im Alltag. Schweigen kann vorübergehend zum Selbstschutz beitragen, doch Aussprache und Dialog sind notwendig – ein Miteinander auf Augenhöhe –, um bleibende Heilung anzustoßen. Sprechen wir über Heilung. Sie ist mehr als Stabilisierung, Management und Recovery. Denn sie sollte als Hoffnung bestehen – für mich und für andere Menschen mit Schizophreniediagnose.

    Anmerkung zum Foto:
    Das Foto entstand kurz vor meiner ersten Psychose im Sommer 2010. Es trägt den Titel „Sehnsucht“.

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  • Zwischen Wahn und Wirklichkeit: Wo bleibt der Dialog?

    Zwischen Wahn und Wirklichkeit: Wo bleibt der Dialog?

    Vor wenigen Tagen erschien in der ZEIT ein Artikel über Schizophrenie, geschrieben aus der Perspektive eines Journalisten, der im eigenen Familienkreis einen Betroffenen hat, der inzwischen im Maßregelvollzug lebt. Ich lese diesen Text als einen wertvollen und ehrlichen Bericht aus der Sicht eines Angehörigen. Die Überforderung, die Angst und die Hilflosigkeit, die der Autor beschreibt, sind nachvollziehbar und verdienen einen öffentlichen Raum.

    Gleichzeitig reiht sich auch dieser Artikel in eine Form der Berichterstattung ein, die mir als Schizophreniebetroffene vertraut ist. Es sind Texte über Betroffene, nicht mit ihnen. Die Perspektive der Erkrankten selbst bleibt weitgehend außen vor, ebenso der Dialog mit ihnen.

    Auch im aktuellen Artikel erscheinen Betroffene vor allem als entfremdete, kranke Wesen, die sich nicht helfen lassen, von denen man sich abgrenzt und vor denen man sich letztlich schützen muss. Diese Perspektive mag aus der Sicht von Menschen ohne Psychoseerfahrung verständlich sein, bleibt jedoch unvollständig.

    Nicht unproblematisch empfinde ich in diesem Zusammenhang auch die im Artikel zitierten Aussagen von Prof. Birgit Völlm. Sie betont einerseits, dass Psychosen infolge von Drogenkonsum oder genetischer Veranlagung entstehen können. Andererseits, dass Schizophrenie gut behandelbar sei und es wirksame Medikamente gebe, ergänzt durch Psychotherapie. Zugleich sagt sie, dass Betroffene häufig nicht in der Lage seien zu begreifen, dass sie krank sind.

    Was dabei aus meiner Sicht fehlt, ist eine erweiterte Perspektive: die Erkenntnis, dass psychotische Erfahrungen als Kontinuum verstanden werden und prinzipiell allen Menschen möglich sind (1,2), und dass Psychosen nicht ausschließlich genetisch bedingt sind, sondern auch Ursachen haben können, die im persönlichen Umfeld und in der individuellen Biografie zu finden sind. Ebenso fehlt der Hinweis darauf, dass sich Psychoseanfälligkeit mit Unterstützung des Umfeldes – insbesondere der Familie – deutlich verbessern kann, in manchen Fällen sogar nachhaltig.

    Meine Vermutung ist, dass Betroffene dann besonders stark am Wahnkonstrukt festhalten, wenn ihnen keine Hilfe angeboten wird, die sie selbst als hilfreich und zielführend erleben. Der Wahn ist für sie nachvollziehbar. Die Realität hingegen nicht mehr.

    Zusätzlich vermute ich, dass viele Betroffene, bevor sie wahnhaft-psychotisch werden, die Welt und sich selbst als zunehmend sinnlos erleben. In der Psychose gewinnt dann alles, was wahrgenommen wird, eine übergroße Bedeutung. Die Welt und das eigene Selbst sind mit einem Schlag wieder voller Sinn.

    Wenn Betroffenen diese innere Logik – nämlich Sinn wiederherzustellen, dort, wo er sich zuvor aufzulösen drohte – ausschließlich als Krankheit abgesprochen wird, ohne dass ihre Erfahrungen verstanden oder ernst genommen werden, kann dies meinem Verständnis nach dazu beitragen, dass sich psychotische Zustände verfestigen und chronifizieren.

    In unserem persönlichen Freundes- und Bekanntenkreis kennen wir mehrere Menschen mit einer Schizophreniediagnose, die dauerhaft schwer wahnhaft sind oder waren und deren Familien sowie therapeutisches Umfeld sie innerlich bereits aufgegeben haben – als „zu krank“ oder „zu uneinsichtig“. Einige dieser Menschen leben nicht mehr. Um andere machen wir uns Sorgen.

    Was mir in der öffentlichen Debatte weiterhin fehlt, ist eine Perspektive, die Betroffene nicht nur beschreibt, sondern ihnen zuhört. Nicht gegen Angehörige oder Fachleute gerichtet, sondern als notwendiges Gegenüber auf Augenhöhe.

    Literatur:

    1. van Os, J., Reininghaus, U. Psychosis as a transdiagnostic and extended phenotype in the general population. World Psychiatry 15, 118–124 (2016). doi: 10.1002/wps.20310. ↩︎
    2. Stip, E., Letourneau, G. Psychotic symptoms as a continuum between normality and pathology. Canadian Journal of Psychiatry 54, 140–151 (2009). doi: 10.1177/070674370905400302. ↩︎

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  • Die leise Kraft der Ordnung

    Die leise Kraft der Ordnung

    Heilung bringt Kraft für Ordnung und Pflege. Damit meine ich sowohl mich selbst als auch mein persönliches Umfeld: meine Wohnung, meine Zähne, meine Ernährung, meine Bewegung und meinen Schlaf.

    Seit meiner ersten Psychose im Sommer 2010 konnte ich mich kaum ordnen und pflegen. Nach der ersten Psychose und meinem ersten Psychiatrieaufenthalt war ich viele Wochen lang bettlägerig. Meine Mutter flog mit einem dreimonatigen Touristenvisum ein und pflegte mich in dieser Zeit.

    In den Jahren danach litt ich unter ausgeprägter Antriebslosigkeit, Desinteresse und Adipositas. Das war eine Folge der Psychose und zugleich durch eine zu hohe Dosierung von Neuroleptika mitverursacht. Immer wieder gelang es mir in dieser Zeit, für Ordnung und Pflege zu sorgen – jedoch nie dauerhaft. Dieser Zustand blieb gerade noch so stabil, dass ich meinen Vollzeitjob wahrnehmen konnte. Ich bekam praktisch nie Besuch und fühlte mich in meiner Unordnung und Ungepflegtheit mal unbehaglich, mal gleichgültig. Scham empfand ich kaum, da ich allein war.

    Von anderen Menschen mit Psychoseerfahrungen und Schizophreniediagnose weiß ich, dass viele über längere Zeit in Unordnung und Ungepflegtheit verharren, besonders wenn es ihnen psychisch nicht gut geht. Heute, da es mir zunehmend leichter fällt, für Ordnung und Pflege zu sorgen, erkenne ich sie als Spiegel meiner Seele. Sie sind Ergebnis meiner Heilung und meiner Gesundheit – und zugleich ein Anker, der diese weiter stärkt.

    Taubheit und Schmerz hingegen können den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen erschweren, insbesondere zum Bedürfnis nach Heilung und Gesundheit. Menschen, die unordentlich oder ungepflegt erscheinen, geht es meinem Verständnis nach nicht gut. Statt sie als „faul“ oder „schlampig“ zu verurteilen und auszugrenzen, sollten wir uns fragen, was sie brauchen, damit ihre seelischen Wunden heilen oder zumindest gelindert werden können.

    Wo Heilung geschieht, kehren Ordnung und Pflege zurück. Nicht als Pflicht und Erwartung, sondern als Ausdruck von Leben und Lebendigkeit.

    Anmerkung zum Foto:
    Das Foto entstand während meines ersten Psychiatrieaufenthalts im Sommer 2010. Es dokumentiert meinen damaligen Zustand. Die Deutung erfolgt erst heute.

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  • Was mich eine Pappuhr über Dyskalkulie lehrt

    Was mich eine Pappuhr über Dyskalkulie lehrt

    Anmerkung der Verfasserin: Mit dem Einverständnis der Mutter meiner Nachhilfeschülerin S. schreibe ich hier über eine Lernschwierigkeit, die viele Kinder betrifft. *1

    Gestern schrieb mir meine Freundin R. und fragte, ob ich mit ihrer Tochter S., die seit Mai dieses Jahres meine Nachhilfeschülerin in Mathe ist, das Uhrenablesen auf Englisch üben könnte.

    Heute Morgen – es ist Silvester – habe ich nach dem Aufstehen eine Pappuhr gebastelt (Vorlage von fraulocke-grundschultante.de). Die kleine kreative Stunde hat mir viel Spaß gemacht, und ich freue mich, wenn die bunte Pappuhr bald zum Einsatz kommt.

    S. hat eine Dyskalkulie. Was das genau bedeutet, beginne ich erst allmählich zu verstehen, seit ich wöchentlich mit ihr Mathe übe. S. ist ein sehr neugieriges, intelligentes, kreatives und freundliches Kind. Dyskalkulie hat nichts mit Intelligenz zu tun. Doch das Ablesen der Uhr – etwas, das wir normalerweise fast unbewusst tun – ist für S. eine besondere Herausforderung. Denn dafür braucht es eine Vorstellung davon, eine ganze Stunde zu halbieren oder zu vierteln.

    Auch für mich selbst waren Mathe und Physik nie wirkliche Stärken. Ich habe Physik studiert, nicht weil ich das Fach besonders gut beherrschte, sondern weil ich mit allen sprachlastigen Schulfächern große Schwierigkeiten hatte.

    Als ich mit elf Jahren nach Bonn zog und in den ersten zwei Jahren in einer Klasse lernte, in der Deutsch als Fremdsprache statt regulärem Deutschunterricht unterrichtet wurde, verstand ich weder Geschichte noch Sozialkunde, Biologie oder Chemie.

    Allein der Philosophieunterricht, der erst ab der zehnten Klasse angeboten wurde, faszinierte mich trotz seiner Sprachlastigkeit – neben Mathe und Physik, die ich auch ohne ausgeprägte sprachliche Fähigkeiten begreifen konnte.

    S. und R. freuen sich sehr über meine Nachhilfe, und das empfinde ich als große Anerkennung. Gleichzeitig bin ich überrascht, wie viel man tatsächlich verstehen muss, um die Mathematikaufgaben der fünften Klasse vollständig zu lösen. Ich frage mich oft, wie S.s Mitschüler:innen damit zurechtkommen. Individualisierten Unterricht kann S. in der Schule nicht bekommen, und es ist erschreckend einfach, als „schlechte Schülerin“ abgehängt zu werden.

    Meine Erfahrung als S.s Nachhilfelehrerin und meine eigene Erfahrung als Schülerin zeigen mir, wie wenig Schulnoten manchmal darüber aussagen, welche Talente eine Schülerin oder ein Schüler tatsächlich hat – und wie gut sie oder er später als Erwachsene:r im Leben bestehen kann. Zugleich bedeuten schlechte Schulnoten aufgrund vermeintlich mangelnder intellektueller Leistungen meist entscheidende Nachteile für den weiteren Lebensweg. Mir ist es sehr wichtig, dass S. später einmal so selbstbestimmt wie möglich leben kann. Wenn ich dazu einen kleinen Beitrag leisten kann, dann bin ich gerne für sie da.

    ¹ Nach einer aktuellen Zusammenfassung internationaler Studien durch A. Nieder (2025) erfüllen etwa 5–7 % der Kinder – und entsprechend auch der späteren Erwachsenen – in der Allgemeinbevölkerung die diagnostischen Kriterien einer entwicklungsbedingten Dyskalkulie.

    Nieder, A. (2025). The calculating brain. Physiological Reviews, 105, 267–314.

    https://doi.org/10.1152/physrev.00014.2024

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