Heilung bringt Kraft für Ordnung und Pflege. Damit meine ich sowohl mich selbst als auch mein persönliches Umfeld: meine Wohnung, meine Zähne, meine Ernährung, meine Bewegung und meinen Schlaf.
Seit meiner ersten Psychose im Sommer 2010 konnte ich mich kaum ordnen und pflegen. Nach der ersten Psychose und meinem ersten Psychiatrieaufenthalt war ich viele Wochen lang bettlägerig. Meine Mutter flog mit einem dreimonatigen Touristenvisum ein und pflegte mich in dieser Zeit.
In den Jahren danach litt ich unter ausgeprägter Antriebslosigkeit, Desinteresse und Adipositas. Das war eine Folge der Psychose und zugleich durch eine zu hohe Dosierung von Neuroleptika mitverursacht. Immer wieder gelang es mir in dieser Zeit, für Ordnung und Pflege zu sorgen – jedoch nie dauerhaft. Dieser Zustand blieb gerade noch so stabil, dass ich meinen Vollzeitjob wahrnehmen konnte. Ich bekam praktisch nie Besuch und fühlte mich in meiner Unordnung und Ungepflegtheit mal unbehaglich, mal gleichgültig. Scham empfand ich kaum, da ich allein war.
Von anderen Menschen mit Psychoseerfahrungen und Schizophreniediagnose weiß ich, dass viele über längere Zeit in Unordnung und Ungepflegtheit verharren, besonders wenn es ihnen psychisch nicht gut geht. Heute, da es mir zunehmend leichter fällt, für Ordnung und Pflege zu sorgen, erkenne ich sie als Spiegel meiner Seele. Sie sind Ergebnis meiner Heilung und meiner Gesundheit – und zugleich ein Anker, der diese weiter stärkt.
Taubheit und Schmerz hingegen können den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen erschweren, insbesondere zum Bedürfnis nach Heilung und Gesundheit. Menschen, die unordentlich oder ungepflegt erscheinen, geht es meinem Verständnis nach nicht gut. Statt sie als „faul“ oder „schlampig“ zu verurteilen und auszugrenzen, sollten wir uns fragen, was sie brauchen, damit ihre seelischen Wunden heilen oder zumindest gelindert werden können.
Wo Heilung geschieht, kehren Ordnung und Pflege zurück. Nicht als Pflicht und Erwartung, sondern als Ausdruck von Leben und Lebendigkeit.
Anmerkung zum Foto:
Das Foto entstand während meines ersten Psychiatrieaufenthalts im Sommer 2010. Es dokumentiert meinen damaligen Zustand. Die Deutung erfolgt erst heute.
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