Erstfassung von Moyu Watari-Alvarez vom 18.12.2020, mit finaler Überarbeitung vom 30.12.2025.
Nur sinngemäß aus meinem Gedächtnis, woran ich mich erinnere, und was ich gestern gemeint und verstanden habe. D. h. nicht unbedingt das, was tatsächlich gesagt und gemeint wurde, weder von Prof. Rüsch noch von mir.
Prof. Rüsch: Wie sind Sie auf das Buch (Rüsch, N., Heland-Graef, M. & Berg-Peer, J., 2021. Das Stigma psychischer Erkrankung: Strategien gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Urban & Fischer/Elsevier, München) gestoßen?
M. Watari-Alvarez: Vielen Dank für das sehr hilfreiche Buch. Ich habe es per Google als Erstes gefunden, als ich angefangen habe, zum Thema Stigma zu recherchieren. Ich wusste nicht, dass Stigma so ein breites Forschungsfeld ist.
Prof. Rüsch: Wenn man anfängt zu recherchieren, dann wundert man sich, zu wie vielen Themen schon geforscht wird, es ging mir auch schon so. Auch zum Thema Stigma gibt es viel Forschung und viele Veröffentlichungen. Und davon gibt es auch einige sehr gute Forschung.
Prof. Rüsch: Sie recherchieren für einen Beitrag in einer internen Veröffentlichung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG)?
M. Watari-Alvarez: Es gibt das Max Planck Journal, das vierteljährlich von der MPG herausgegeben wird und den Mitarbeitenden der MPG zur Verfügung gestellt wird, mit einer Auflage von ca. 17.000. Zu diesem Max Planck Journal gibt es so etwas wie ein Beiheft, das vom Gesamtbetriebsrat der MPG verfasst und herausgegeben wird. Mein Beitrag würde in diesem Beiheft erscheinen. Die pdf-Dateien werden im Intranet der MPG zur Verfügung gestellt.
Prof. Rüsch: Sie arbeiten im IT-Support, wenn ich es richtig gesehen habe.
M. Watari-Alvarez: Ja, das ist der Job, den mir mein Chef nach meiner Erkrankung angeboten hat und den ich seitdem ausübe. Das ist nicht das, was ich kann.
Prof. Rüsch: Was ist Ihre Ausbildung und der ursprüngliche Beruf?
M. Watari-Alvarez: Ich habe bei meinem jetzigen Chef Diplomarbeit im Bereich der Biophysik gemacht, dann eine Doktorarbeit in London, dort auch eine Postdoc-Stelle gehabt. Daraufhin habe ich ein Stipendium für eine unabhängige wissenschaftliche Stelle am Imperial College bekommen, allerdings habe ich es vorgezogen, ein Zweitstudium in Freiburg aufzunehmen. Leider bin ich bald daran gescheitert, das Studium war in Humanmedizin, und ich hatte meine erste Psychose. Das war vor 10 Jahren.
Prof. Rüsch: Haben Sie den Beitrag schon geschrieben?
M. Watari-Alvarez: Nein, noch gar nicht, ich bin in der Planungsphase.
Prof. Rüsch: Es gibt ein Arbeitsheft von IWS (https://www.uni-ulm.de/med/iws/), es wird Ihnen die Entscheidung über die Offenlegung nicht abnehmen, aber kann vielleicht eine Hilfe sein („In Würde zu sich stehen um das Stigma psychischer Erkrankungen abzubauen. Version für Erwachsene. Arbeitsbuch für Gruppenleiter & Teilnehmer“). Über das IWS haben wir auch einen Beitrag veröffentlicht. Dieses Arbeitsheft und diesen Artikel kann ich Ihnen zuschicken.
Prof. Rüsch: Was beim Schreiben helfen kann, ist, wenn man über positive Erfahrungen aber auch über negative Erfahrungen schreibt und dabei ehrlich ist. Und so, dass Menschen, die wenig über psychische Erkrankungen wissen, den Beitrag auch verstehen können. Man kann sich auch dafür entscheiden, nur bestimmte Sachen zu erzählen, z.B. keine intimen Geschichten. Ich als Psychiater würde die Geschichten einordnen können, eher als jemand, der wenig Erfahrung hat. Es kommt auch darauf an, wie wichtig für Sie die Themen wie Stigma und Inklusion sind. Oder auch darauf, wen Sie mit Ihrem Beitrag erreichen wollen, was das Ziel der Offenlegung ist. (…)
M. Watari-Alvarez: Das Thema Inklusion ist sehr wichtig für mich. Es wäre ein großer Traum, falls immer mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen ein so hohes Maß an Inklusion erfahren könnten wie ich selbst. Ich möchte gerne darüber schreiben, wie ich über meinen Chef von der MPG integriert und auch gefördert wurde, trotz der Rückfälle und Leistungseinschränkungen. Dadurch, dass ich von Anfang an offen mit meiner Erkrankung umgegangen bin, sind durch diese Veröffentlichung mein Arbeitsverhältnis und meine sozialen Kontakte nicht gefährdet. Das bietet mir einen gewissen Schutz. Es wäre sehr schön, wenn auch die Arbeitgeberseite, insbesondere der Präsident der MPG, sich Gedanken zum eigenen Beitrag machen würden, wie Stigma, Vorurteile und diskriminierendes Verhalten abgebaut werden könnten. Was meine eigenen Leistungen betrifft, weiß ich nicht, was mein Chef dazu sagen würde. Durch die Rückfälle hatte ich auch erhebliche Ausfälle. In der MPG geht es um die Exzellenzforschung und um die Spitzenleistung, und ich sehe auch, was ich heute nicht mehr leisten kann. Daher kann ich auch verstehen, wenn Arbeitgeber Bedenken haben, Menschen mit psychischen Einschränkungen einzustellen.
Prof. Rüsch: Solche Erfahrungsberichte werden „first person accounts“ genannt. Es ist gut, dass Sie diesen Schutz haben, das ist nicht selbstverständlich. Haben Sie schon mal von der UN-Behindertenrechtskonvention gehört? Danach haben Menschen mit psychischen Einschränkungen ein Recht auf Arbeit. Es geht nicht um Mitleid oder Almosen, wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen arbeiten wollen. Dazu steht auch etwas in meinem Buch, Kapitel 7.5.2 „Die UN-Behindertenrechtskonvention“. In dieser Hinsicht können Sie ruhig selbstbewusster sein.
Prof. Rüsch: Was sagt Ihr Mann dazu?
M. Watari-Alvarez: Einerseits „Das bringt nichts“ und andererseits „Das ist super“. Mein Mann hatte bereits mit 17 ([sic] muss wohl 18 Jahre heißen) Jahren seine erste Psychose und hatte dadurch deutlich geringere Teilhabemöglichkeiten. Daher hat er nochmal eine ganz andere Perspektive zum Thema als ich, die gute Erfahrungen gemacht hat.
Prof. Rüsch: Leichter hatten Sie es vielleicht nicht, aber Sie konnten Ihre Ausbildung vor der Erkrankung abschließen.
M. Watari-Alvarez: Ja, und ich hatte es auf jeden Fall leichter als meinen Mann, denke ich.
Prof. Rüsch: Ist Ihnen schon mal der Name „Klaus Gauger“ untergekommen? Er hat das Buch „Meine Schizophrenie“ in 2018 veröffentlicht, über seine Erfahrung mit Schizophrenie. 2021 wird eine Neuauflage im Herder-Verlag erscheinen. Er ist Germanist, lebt in Freiburg und arbeitet inzwischen als Genesungsbegleiter. Ein sehr angenehmer Mensch. Er hat mein Buch gelesen, ich habe sein Buch gelesen, und wir haben zusammen einen Beitrag geschrieben, den ich Ihnen auch zur Verfügung stellen kann. Bitte diesen nicht weitergeben, da er noch nicht veröffentlicht ist. Er wird voraussichtlich 2021 in der Zeitschrift „Kerbe Forum für soziale Psychiatrie“ erscheinen.
M. Watari-Alvarez: Hat Stigma immer mit der eigenen Aufwertung durch Abwertung der Anderen zu tun?
Prof. Rüsch: Das ist eine gute Frage. Stigma kann verschiedene Funktionen haben, von der Abwertung anderer, um sich selbst besser zu fühlen, bis zur Bestätigung der eigenen Weltsicht und evolutionär bedingten Funktionen (mehr dazu in meinem Buch im Kapitel 3.3). Stigma kann auch den Menschen eine Sicherheit geben, dass die Welt, so wie sie ist, in Ordnung ist. Z.B. wenn es arme und hungernde Menschen auf der Straße gibt und Menschen überzeugt sind, dass das seine Berechtigung hat und sie selbst schuld sind usw.
Prof. Rüsch: Zum Schluss noch eine Frage aus Neugierde – wo Sie herkommen?
M. Watari-Alvarez: Ich komme ursprünglich aus Japan, habe mit 10 Jahren das Land das erste Mal verlassen, dann nach London, dann nach Bonn und habe dort die Wiedervereinigung erlebt. Ich kann keine der Sprachen auf dem Muttersprachler-Niveau sprechen.
Prof. Rüsch: Fehler höre ich nicht heraus, aber einen leichten Klang habe ich bemerkt…
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