Eine wichtige Warnung zu Beginn. In diesem Beitrag schreibe ich über meine persönlichen Erfahrungen, die nicht als Anleitung verstanden werden dürfen. Liebe Betroffene, bitte macht mir das nicht nach. Ihr könntet erneut psychotisch werden.
Seit vier Monaten nehme ich täglich 0,5 mg Aripiprazol und habe das Gefühl, dass ich bei dieser Dosis bleiben kann. Meine erste Psychose liegt jetzt genau 16 Jahre zurück. In den ersten sechs Jahren folgte ich dem ärztlichen Rat unhinterfragt und nahm täglich 15 mg Aripiprazol ein. Durch mehrere Umzüge hatte ich verschiedene Psychiaterinnen und Psychiater, und alle bestanden auf dieser therapeutischen Dosis. Auch meine Psychiaterin, die mich damals zuletzt behandelte, wollte nicht mehr als auf 10 mg reduzieren.
Damit begann mein medikamentöser Selbstversuch auf eigene Faust, den ich bereits in einem früheren Blogbeitrag beschrieben habe.
Nach meinem Wiederumzug nach Heidelberg 2017 fand ich zu meinem großen Glück einen Psychiater und einen Psychotherapeuten, die mich bei meinem eigenwilligen Selbstversuch begleiten. 2018 und 2019 erlebte ich zwei akut psychotische Rückfälle und war damals auch bei der Arbeit „knall“ wahnhaft. Trotzdem wurde mir nicht gekündigt. Ich erhielt weiterhin Verständnis und Unterstützung.
Mein Mann hielt zu mir, auch in diesen Jahren, die er als selbst Betroffener mit mehrfachen Psychosen, der seit 2010 keine Psychopharmaka mehr nimmt und seit 2012 nicht mehr in psychiatrischer Behandlung war, als sehr anstrengend erlebt haben muss. Meine Familie hielt zu mir, trotz der großen Entfernung zu Japan, wo meine Eltern und mein Bruder leben. Nach dem plötzlichen Tod meines Vaters 2023, als ich wieder von Tokio in München landete, nahmen wir gleich am nächsten Tag unsere geliebte Shibahündin auf. Es war ein fliegender Wechsel, als wäre das vorgesehen gewesen, damit ich nicht für immer trauere.
Verkürzt gesagt nahm ich nach meiner ersten Psychose 2010 sechs Jahre lang 15 mg Aripiprazol ein. Danach erlebte ich drei Jahre Turbulenzen durch zwei Absetzversuche. Anschließend folgten sechs Jahre mit 1 mg. Jetzt nehme ich nach dem insgesamt vierten Absetzversuch seit vier Monaten 0,5 mg ein. So lange bin ich noch nie bei 0,5 mg geblieben, und es fühlt sich richtig gut an.
Gut, weil ich mehr ich selbst sein kann, wenn ich denke, fühle und handle. Nicht, weil ich keine Probleme und Krisen mehr erlebe. Genau darin liegt der Unterschied. Mit einer therapeutischen Dosis Aripiprazol erlebte ich kaum Probleme und Krisen, weil meine Fähigkeit zur Wahrnehmung, Selektion und Verstärkung von Informationen medikamentös blockiert wurde. Doch dadurch war ich nicht mehr ich selbst. Das war der Preis meiner Rückfallprophylaxe und meiner Stabilität in diesen Jahren.
Warum kam ich sechs Jahre lang mit 1 mg zurecht und warum komme ich seit vier Monaten mit 0,5 mg zurecht. Weil ich alternative Wege für mich gefunden habe, um mit Problemen und Krisen umzugehen, statt sie medikamentös unerkenntlich zu halten. Weil meine Mitmenschen mir helfen, wenn ich danach frage. Weil die Krankenversorgung und die Arbeitswelt in Deutschland für mich einen Rahmen bieten, in dem ich mit Hilfe meiner Mitmenschen meinen individuellen Weg gehen konnte.
Es gibt Alternativen zur Medikation von Menschen mit Schizophreniediagnosen. Das kann ich mit meinen persönlichen Erfahrungen bestätigen, und genauso würde mein Mann es bestätigen können. Es ist nicht nur Glück oder Zufall, dass wir beide, individuell und gemeinsam, unsere Schizophrenien und Diagnosen bewältigen können. Ich wünsche mir, dass unsere Erfahrungen von der Fachwelt ernstgenommen werden, damit mehr Schizophreniebetroffene von ihrem Umfeld darin unterstützt werden, selbst über ihre Medikation zu entscheiden und die Möglichkeit erhalten, das eigene Leben für sich selbst besser zu gestalten.
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