Schlagwort: Heilung

  • In Heilung denken

    In Heilung denken

    Bei körperlichen Wunden ist „Heilung“ ein selbstverständlicher Begriff. Kein Arzt und keine Ärztin erwartet dabei Perfektion oder Spurlosigkeit. Narben gehören zur Heilung dazu, ebenso bleibende Empfindlichkeiten. Bei Psychosen und Schizophrenie hingegen habe ich von keinem Psychiater und keiner Psychiaterin bis heute gehört, dass er oder sie von „Heilung“ spricht. Stattdessen ist die Rede von Stabilisierung, Management und Recovery. Heilung scheint hier etwas zu sein, das man nicht in den Mund nimmt. Diese sprachliche Zurückhaltung wirft für mich die Frage auf, warum wir bei seelischen Wunden und Schmerzen weniger zu hoffen wagen als bei körperlichen.

    Psychopharmaka können beruhigen, schützen und Überforderung vorbeugen und damit den Heilungsprozess unterstützen. Problematisch wird es dort, wo Stabilisierung nicht als Übergang, sondern als Dauerzustand verstanden wird, ohne mit den Betroffenen über Genesungs- oder Entwicklungsperspektiven zu sprechen. In einem Zustand verfestigter Beruhigung sehe ich eine Behinderung des Heilungsprozesses. Denn Wunden und Schmerzen müssen sichtbar werden, und ihre Ursachen müssen verstanden sein, bevor sie heilen können.

    Für mich ist Gesundheit keine ärztliche Zuschreibung. Ich habe früh erlebt, dass mir Gesundheit bescheinigt wurde, während ich antriebslos, gleichgültig und adipös war. Heute, mehr als zehn Jahre später, empfinde ich mich als gesund und geheilt – deutlich spürbar auf meinem persönlichen Kontinuum. Für mich ist jemand geheilt, wenn er oder sie es selbst körperlich und psychisch spürt und es weiß. Gerade für Schizophreniebetroffene ist das schwierig, weil in akut-wahnhaften Phasen der eigenen Wahrnehmung nicht getraut wird und dieses Misstrauen oft bestehen bleibt. Umso wichtiger ist es, wieder zu erlernen, die eigene Wahrnehmung mit der Wirklichkeit abzugleichen und sich selbst zu vertrauen.

    Heilung geschieht nicht isoliert. Sie geschieht im Zusammenleben: im persönlichen Umfeld, in Beziehungen, im Alltag. Schweigen kann vorübergehend zum Selbstschutz beitragen, doch Aussprache und Dialog sind notwendig – ein Miteinander auf Augenhöhe –, um bleibende Heilung anzustoßen. Sprechen wir über Heilung. Sie ist mehr als Stabilisierung, Management und Recovery. Denn sie sollte als Hoffnung bestehen – für mich und für andere Menschen mit Schizophreniediagnose.

    Anmerkung zum Foto:
    Das Foto entstand kurz vor meiner ersten Psychose im Sommer 2010. Es trägt den Titel „Sehnsucht“.

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  • Die leise Kraft der Ordnung

    Die leise Kraft der Ordnung

    Heilung bringt Kraft für Ordnung und Pflege. Damit meine ich sowohl mich selbst als auch mein persönliches Umfeld: meine Wohnung, meine Zähne, meine Ernährung, meine Bewegung und meinen Schlaf.

    Seit meiner ersten Psychose im Sommer 2010 konnte ich mich kaum ordnen und pflegen. Nach der ersten Psychose und meinem ersten Psychiatrieaufenthalt war ich viele Wochen lang bettlägerig. Meine Mutter flog mit einem dreimonatigen Touristenvisum ein und pflegte mich in dieser Zeit.

    In den Jahren danach litt ich unter ausgeprägter Antriebslosigkeit, Desinteresse und Adipositas. Das war eine Folge der Psychose und zugleich durch eine zu hohe Dosierung von Neuroleptika mitverursacht. Immer wieder gelang es mir in dieser Zeit, für Ordnung und Pflege zu sorgen – jedoch nie dauerhaft. Dieser Zustand blieb gerade noch so stabil, dass ich meinen Vollzeitjob wahrnehmen konnte. Ich bekam praktisch nie Besuch und fühlte mich in meiner Unordnung und Ungepflegtheit mal unbehaglich, mal gleichgültig. Scham empfand ich kaum, da ich allein war.

    Von anderen Menschen mit Psychoseerfahrungen und Schizophreniediagnose weiß ich, dass viele über längere Zeit in Unordnung und Ungepflegtheit verharren, besonders wenn es ihnen psychisch nicht gut geht. Heute, da es mir zunehmend leichter fällt, für Ordnung und Pflege zu sorgen, erkenne ich sie als Spiegel meiner Seele. Sie sind Ergebnis meiner Heilung und meiner Gesundheit – und zugleich ein Anker, der diese weiter stärkt.

    Taubheit und Schmerz hingegen können den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen erschweren, insbesondere zum Bedürfnis nach Heilung und Gesundheit. Menschen, die unordentlich oder ungepflegt erscheinen, geht es meinem Verständnis nach nicht gut. Statt sie als „faul“ oder „schlampig“ zu verurteilen und auszugrenzen, sollten wir uns fragen, was sie brauchen, damit ihre seelischen Wunden heilen oder zumindest gelindert werden können.

    Wo Heilung geschieht, kehren Ordnung und Pflege zurück. Nicht als Pflicht und Erwartung, sondern als Ausdruck von Leben und Lebendigkeit.

    Anmerkung zum Foto:
    Das Foto entstand während meines ersten Psychiatrieaufenthalts im Sommer 2010. Es dokumentiert meinen damaligen Zustand. Die Deutung erfolgt erst heute.

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  • Sprechende Medizin ist heilende Medizin

    Sprechende Medizin ist heilende Medizin

    Gestern war ich bei meinem Psychiater Dr. H. Normalerweise sehe ich ihn alle zwei bis drei Monate, in akuten Krisen auch sofort.

    Zum ersten Mal traf ich ihn im September 2017, kurz nachdem mein Mann und ich nach Heidelberg gezogen waren. Meine damalige Psychiaterin in Stuttgart hatte ihn mir empfohlen. Sie stand der Reduktion meiner Aripiprazoltagesdosis von 15 auf 10 mg kritisch gegenüber und lehnte jede weitere Reduktion ab. Deshalb beendete ich im Juli 2016 die Behandlung bei ihr und setzte das Aripiprazol schließlich auf eigene Faust ab.

    Als ich Dr. H. zum ersten Mal begegnete, steckte ich mitten in meinem ersten Absetzversuch. Von Anfang an hörte er mir aufmerksam zu, nahm sich Zeit und erklärte sich bereit, mich dabei zu begleiten.

    Monate später erlitt ich meinen ersten wahnhaft-psychotischen Rückfall. In der Klinik bekam ich erneut viele Neuroleptika, die ich nach der Entlassung bald wieder absetzte. Innerhalb des folgenden Jahres kam es zu einem weiteren Rückfall und erneut zu einer Behandlung mit zu vielen Neuroleptika. Nach dem dritten Absetzen begann ich schließlich mit einer Minimaldosis von einem Milligramm Aripiprazol pro Tag. Durch all diese Phasen begleitete mich Dr. H. als mein behandelnder Psychiater.

    Kaum eine Sitzung verging ohne ein echtes Gespräch. Er ließ mir die Zeit, die ich brauchte, um das Wichtige auszusprechen und seine Einschätzung zu hören. So ist mir bis dahin noch kein Psychiater begegnet. Früher wurde ich meist nur gefragt, ob ich ein neues Rezept brauche. Mehrfach sagten sie mir auch, dass ich eine gute Patientin sei, weil ich die Neuroleptika nehme.

    Sprechende Medizin ist heilende Medizin. Beim gestrigen Termin sagte mir Dr. H., dass sprechende Medizin immer weiter zurückgeht und sich rein psychiatrisch geführte und gesprächsorientierte Praxen wirtschaftlich kaum noch halten können. Ein Skandal. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie zentral seine Begleitung für meine Stabilisierung und Genesung war.

    Wir brauchen mehr Gespräche und weniger Medikamente. Das muss ich klar so sagen. Ich glaube, dass viele psychiatrische Erkrankungen vorgebeugt und besser behandelt werden können, wenn Menschen mehr und besser miteinander sprechen und einander zuhören. Ich wünsche mir, dass wir, auch in der psychiatrischen Versorgung, mehr Raum und Zeit schaffen für echte Begegnungen. Wir wollen nicht nur gemanaget werden, sondern in unserem Heilungsprozess wirklich unterstützt werden.

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  • Gesundheitssymptome

    Gesundheitssymptome

    Heute wurde mir einmal mehr bewusst, wie gut ich selbst für meine Gesundheit und mein Wohlbefinden sorgen kann. Mir geht es gut!

    Es ist ein wohliges, sättigendes und nach vorne gerichtetes Gefühl, mich in bewegtem Gleichgewicht mit meinem Umfeld zu befinden. Ich kann das Glück sehen und es genießen. Daran festhalten und dafür dankbar sein. Mit Fassung die Zukunft erwarten.

    In Zeiten, in denen ich krank bin, höre ich auf andere, die sagen, dass es mir bald wieder besser gehen wird. In einem gesunden, unterstützenden und inklusiven Umfeld zu leben, macht mich gesünder und resilienter.

    Gesundheitssymptome zeigen sich nicht einfach so. Ich entscheide mich bewusst dafür und bitte mein Umfeld um Unterstützung. Es dauert. Doch alles zählt, und nie ist es zu spät, Gesundheitssymptome zu kultivieren.

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