Schlagwort: Psychiatrie

  • Sprechende Medizin ist heilende Medizin

    Sprechende Medizin ist heilende Medizin

    Gestern war ich bei meinem Psychiater Dr. H. Normalerweise sehe ich ihn alle zwei bis drei Monate, in akuten Krisen auch sofort.

    Zum ersten Mal traf ich ihn im September 2017, kurz nachdem mein Mann und ich nach Heidelberg gezogen waren. Meine damalige Psychiaterin in Stuttgart hatte ihn mir empfohlen. Sie stand der Reduktion meiner Aripiprazoltagesdosis von 15 auf 10 mg kritisch gegenüber und lehnte jede weitere Reduktion ab. Deshalb beendete ich im Juli 2016 die Behandlung bei ihr und setzte das Aripiprazol schließlich auf eigene Faust ab.

    Als ich Dr. H. zum ersten Mal begegnete, steckte ich mitten in meinem ersten Absetzversuch. Von Anfang an hörte er mir aufmerksam zu, nahm sich Zeit und erklärte sich bereit, mich dabei zu begleiten.

    Monate später erlitt ich meinen ersten wahnhaft-psychotischen Rückfall. In der Klinik bekam ich erneut viele Neuroleptika, die ich nach der Entlassung bald wieder absetzte. Innerhalb des folgenden Jahres kam es zu einem weiteren Rückfall und erneut zu einer Behandlung mit zu vielen Neuroleptika. Nach dem dritten Absetzen begann ich schließlich mit einer Minimaldosis von einem Milligramm Aripiprazol pro Tag. Durch all diese Phasen begleitete mich Dr. H. als mein behandelnder Psychiater.

    Kaum eine Sitzung verging ohne ein echtes Gespräch. Er ließ mir die Zeit, die ich brauchte, um das Wichtige auszusprechen und seine Einschätzung zu hören. So ist mir bis dahin noch kein Psychiater begegnet. Früher wurde ich meist nur gefragt, ob ich ein neues Rezept brauche. Mehrfach sagten sie mir auch, dass ich eine gute Patientin sei, weil ich die Neuroleptika nehme.

    Sprechende Medizin ist heilende Medizin. Beim gestrigen Termin sagte mir Dr. H., dass sprechende Medizin immer weiter zurückgeht und sich rein psychiatrisch geführte und gesprächsorientierte Praxen wirtschaftlich kaum noch halten können. Ein Skandal. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie zentral seine Begleitung für meine Stabilisierung und Genesung war.

    Wir brauchen mehr Gespräche und weniger Medikamente. Das muss ich klar so sagen. Ich glaube, dass viele psychiatrische Erkrankungen vorgebeugt und besser behandelt werden können, wenn Menschen mehr und besser miteinander sprechen und einander zuhören. Ich wünsche mir, dass wir, auch in der psychiatrischen Versorgung, mehr Raum und Zeit schaffen für echte Begegnungen. Wir wollen nicht nur gemanaget werden, sondern in unserem Heilungsprozess wirklich unterstützt werden.

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  • Dein Etikett / Digital / 07. September 2025

    Dein Etikett / Digital / 07. September 2025

    „Dein Etikett“ fragt: Wer trägt hier welches Etikett – Du? Ich? Wir beide?

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  • Psychiatrie zwischen Management und Heilung – ein Selbstversuch

    Psychiatrie zwischen Management und Heilung – ein Selbstversuch

    Seit meiner Ersterkrankung war ich viermal in der Psychiatrie: 2010, 2018 und 2019 wegen akuter Psychosen sowie dieses Jahr wegen eines Burnouts.

    Glücklicherweise konnte ich dort auch heilsame Erfahrungen machen. Andernfalls hätte ich wohl kaum die Chance gehabt, meine Skepsis gegenüber dieser Institution zu überdenken.

    Als ich die hohe Dosierung der Neuroleptika, mit denen meine Stress- und Psychoseanfälligkeit behandelt wurde, zunehmend als hinderlich empfand, wollte ich ganz ohne Medikamente auskommen und setzte sie mehrfach abrupt ab. Nachdem ich daraufhin erneut psychotisch geworden war und in die Psychiatrie eingewiesen worden war, hatte ich den Eindruck, die Ärzte wollten mir meine Selbstbestimmung nehmen und mich mit Medikamenten ruhigstellen, um mich anschließend damit zu entlassen.

    In diesem Jahr hatte ich „nur“ ein Burnout, konnte klar denken und fühlen – und war erstmals in der Lage, während der Behandlung in der Tagesklinik Blankenburg das Spektrum an Hilfsmöglichkeiten wahrzunehmen und zu nutzen, das diese Einrichtung bietet. Zum ersten Mal empfand ich die Behandlung und das Behandlungsteam der Psychiatrie als heilsam.

    Dabei wurde mir bewusst, wie sehr meine Wahrnehmung subjektiv ist. Das psychiatrische Umfeld und das Personal können gleich bleiben, doch meine Sichtweise kann sich stark verändern. Mal empfinde ich sie als hilfreich und heilsam, mal als das Gegenteil.

    Diese Erkenntnis möchte ich nutzen, um mich sowohl für ein gutes Patientenmanagement als auch für heilsame Interventionen innerhalb des psychiatrischen Versorgungssystems einzusetzen.

    Als ich im Februar einen Leserbrief zum Artikel „Das Problem heißt Psychose“ an ZEIT ONLINE schickte, um auf meine persönlichen Erfahrungen mit minimaler Medikation aufmerksam zu machen und ein strengeres psychiatrisches Management zu hinterfragen, erhielt ich keine Antwort.

    Auch auf meinen Bericht über heilsame Erfahrungen in der Psychiatrie, den ich vor sechs Wochen bei Mad in America einreichte, um der psychiatriekritischen Gemeinschaft eine alternative Stimme zu bieten, habe ich bislang keine Rückmeldung erhalten.

    Einen Mittelweg zu finden, erweist sich als schwieriger als gedacht. Das liegt sicherlich auch an meinen eigenen kommunikativen und sprachlichen Möglichkeiten.

    Der Ausgang dieses Selbstversuchs ist ungewiss. Ich weiß nicht einmal, ob sich dieser Weg wirklich lohnt.

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