Schlagwort: Kindheit

  • Was mich eine Pappuhr über Dyskalkulie lehrt

    Was mich eine Pappuhr über Dyskalkulie lehrt

    Anmerkung der Verfasserin: Mit dem Einverständnis der Mutter meiner Nachhilfeschülerin S. schreibe ich hier über eine Lernschwierigkeit, die viele Kinder betrifft. *1

    Gestern schrieb mir meine Freundin R. und fragte, ob ich mit ihrer Tochter S., die seit Mai dieses Jahres meine Nachhilfeschülerin in Mathe ist, das Uhrenablesen auf Englisch üben könnte.

    Heute Morgen – es ist Silvester – habe ich nach dem Aufstehen eine Pappuhr gebastelt (Vorlage von fraulocke-grundschultante.de). Die kleine kreative Stunde hat mir viel Spaß gemacht, und ich freue mich, wenn die bunte Pappuhr bald zum Einsatz kommt.

    S. hat eine Dyskalkulie. Was das genau bedeutet, beginne ich erst allmählich zu verstehen, seit ich wöchentlich mit ihr Mathe übe. S. ist ein sehr neugieriges, intelligentes, kreatives und freundliches Kind. Dyskalkulie hat nichts mit Intelligenz zu tun. Doch das Ablesen der Uhr – etwas, das wir normalerweise fast unbewusst tun – ist für S. eine besondere Herausforderung. Denn dafür braucht es eine Vorstellung davon, eine ganze Stunde zu halbieren oder zu vierteln.

    Auch für mich selbst waren Mathe und Physik nie wirkliche Stärken. Ich habe Physik studiert, nicht weil ich das Fach besonders gut beherrschte, sondern weil ich mit allen sprachlastigen Schulfächern große Schwierigkeiten hatte.

    Als ich mit elf Jahren nach Bonn zog und in den ersten zwei Jahren in einer Klasse lernte, in der Deutsch als Fremdsprache statt regulärem Deutschunterricht unterrichtet wurde, verstand ich weder Geschichte noch Sozialkunde, Biologie oder Chemie.

    Allein der Philosophieunterricht, der erst ab der zehnten Klasse angeboten wurde, faszinierte mich trotz seiner Sprachlastigkeit – neben Mathe und Physik, die ich auch ohne ausgeprägte sprachliche Fähigkeiten begreifen konnte.

    S. und R. freuen sich sehr über meine Nachhilfe, und das empfinde ich als große Anerkennung. Gleichzeitig bin ich überrascht, wie viel man tatsächlich verstehen muss, um die Mathematikaufgaben der fünften Klasse vollständig zu lösen. Ich frage mich oft, wie S.s Mitschüler:innen damit zurechtkommen. Individualisierten Unterricht kann S. in der Schule nicht bekommen, und es ist erschreckend einfach, als „schlechte Schülerin“ abgehängt zu werden.

    Meine Erfahrung als S.s Nachhilfelehrerin und meine eigene Erfahrung als Schülerin zeigen mir, wie wenig Schulnoten manchmal darüber aussagen, welche Talente eine Schülerin oder ein Schüler tatsächlich hat – und wie gut sie oder er später als Erwachsene:r im Leben bestehen kann. Zugleich bedeuten schlechte Schulnoten aufgrund vermeintlich mangelnder intellektueller Leistungen meist entscheidende Nachteile für den weiteren Lebensweg. Mir ist es sehr wichtig, dass S. später einmal so selbstbestimmt wie möglich leben kann. Wenn ich dazu einen kleinen Beitrag leisten kann, dann bin ich gerne für sie da.

    ¹ Nach einer aktuellen Zusammenfassung internationaler Studien durch A. Nieder (2025) erfüllen etwa 5–7 % der Kinder – und entsprechend auch der späteren Erwachsenen – in der Allgemeinbevölkerung die diagnostischen Kriterien einer entwicklungsbedingten Dyskalkulie.

    Nieder, A. (2025). The calculating brain. Physiological Reviews, 105, 267–314.

    https://doi.org/10.1152/physrev.00014.2024

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  • Schuhe von Hand waschen – ein kleines Ritual aus meiner Kindheit

    Schuhe von Hand waschen – ein kleines Ritual aus meiner Kindheit

    Anlässlich eines Besuchs haben mein Mann und ich am heutigen Sonntag unsere Wohnung aufgeräumt. Dabei konnte ich mich endlich nach Monaten dazu aufraffen, die schmutzigen Sportschuhe und meine Gummistiefel auf dem Balkon von Hand zu waschen. Dafür nahm ich einen Eimer, eine Handbürste, etwas Waschmittelpulver – und das angenehm warme Wasser aus dem Balkonschlauch.

    Es ist fast 40 Jahre her, dass ich Schuhe auf diese Weise gewaschen habe. In Japan, als ich noch zur Grundschule ging, war es eine Art Hausregel, dass wir drei Kinder unsere schmutzigen Schuhe am Wochenende draußen säuberten. Diese Regel verschwand plötzlich, als ich im Alter von zehn Jahren mit meiner Familie nach London zog. Auch später in Deutschland war das kein Thema mehr. Ich habe hier nie beobachtet, dass Menschen ihre Schuhe mit einer Bürste von Hand waschen – geschweige denn Kinder.

    Umso überraschender war das gute Gefühl, das mich heute beim Reinigen überkam. Meine Hände fanden die alten Bewegungen ganz selbstverständlich wieder. Gleichzeitig tauchte ich gedanklich tief in meine Kindheit ein: wie sehr ich mich damals vor dieser Aufgabe gedrückt hatte, wie eisig das Wasser im Winter war und wie unangenehm es mir war, dabei von vorbeigehenden Menschen gesehen zu werden. Besonders lebhaft erinnere ich mich an die sauberen, noch nassen Schuhe, die ich zum Trocknen auslegte, und an das sonnige Wetter, das mich dabei begleitete. Immer dann spürte ich diese besondere Genugtuung – damals wie heute.

    Es war ein seltener, versöhnender Moment mit meiner Kindheit.

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  • Ganz genau – Bangers und Mash!

    Ganz genau – Bangers und Mash!

    1987, als ich zehn Jahre alt war, zog meine Familie nach London, da mein Vater dort als Auslandskorrespondent arbeiten sollte. Zum ersten Mal verließ ich Japan und kam in die 6. Klasse der Martin Junior School. Ich erinnere mich noch daran, dass ich einen kurzen blauen Jeansrock und ein rotes Sweatshirt trug – die anderen Kinder kamen in Schuluniformen, was mir ungewohnt war. Meine Mutter verabschiedete sich im Innenhof der Schule von mir, und ich schloss mich den anderen Kindern an. Ich sprach kein Englisch, war sehr aufgeregt und fühlte mich unsicher.

    Mit der Zeit lernte ich viele Kinder kennen und wurde eine beliebte Schülerin. Da ich in Japan bereits Basketball gespielt hatte, spielte ich mit Begeisterung Netball und wurde bald Torhüterin der Fußballmannschaft. Im nächsten Frühjahr bastelten wir anlässlich der traditionellen Maifeier Kronen aus buntem Papier. Meine war rot und mit Blumen aus hellen Papiertüchern verziert. Sie wurde zur schönsten gekürt und ich zur Maikönigin gewählt. Die Kinder tanzten dann um mich und die hohe Stange herum, weiße Bänder in der Hand, die oben befestigt waren.

    Schwierig war für mich, das lateinische Alphabet sowie das Lesen und Schreiben neu zu erlernen. In Erinnerung geblieben ist mir die Kinderbuchserie „Bangers and Mash” von Paul Groves. Immer wieder versuchte ich gemeinsam mit der Lehrerin, daraus zu lesen und die Bedeutung der Wörter und Sätze zu verstehen. Als ich längst erwachsen war und das Internet verfügbar wurde, suchte ich vergeblich nach dem Buchtitel. Doch erst heute Morgen fand ich ihn, endlich, nach so vielen Jahren – mit Hilfe der KI.

    Es begeistert mich sehr, heute erneut die Geschichten von „Bangers and Mash” zu lesen und zu verstehen. Ich staune, wie viel Akzeptanz und Anerkennung mir die Schule und die Kinder entgegenbrachten, obwohl ich kaum Englisch sprach. In zwei Jahren werden seitdem 40 Jahre vergangen sein. Ich frage mich, was aus den Kindern und Lehrer:innen von damals geworden ist. Ich wünsche ihnen alles Gute.

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