Zwischen Wahn und Wirklichkeit: Wo bleibt der Dialog?

Vor wenigen Tagen erschien in der ZEIT ein Artikel über Schizophrenie, geschrieben aus der Perspektive eines Journalisten, der im eigenen Familienkreis einen Betroffenen hat, der inzwischen im Maßregelvollzug lebt. Ich lese diesen Text als einen wertvollen und ehrlichen Bericht aus der Sicht eines Angehörigen. Die Überforderung, die Angst und die Hilflosigkeit, die der Autor beschreibt, sind nachvollziehbar und verdienen einen öffentlichen Raum.

Gleichzeitig reiht sich auch dieser Artikel in eine Form der Berichterstattung ein, die mir als Schizophreniebetroffene vertraut ist. Es sind Texte über Betroffene, nicht mit ihnen. Die Perspektive der Erkrankten selbst bleibt weitgehend außen vor, ebenso der Dialog mit ihnen.

Auch im aktuellen Artikel erscheinen Betroffene vor allem als entfremdete, kranke Wesen, die sich nicht helfen lassen, von denen man sich abgrenzt und vor denen man sich letztlich schützen muss. Diese Perspektive mag aus der Sicht von Menschen ohne Psychoseerfahrung verständlich sein, bleibt jedoch unvollständig.

Nicht unproblematisch empfinde ich in diesem Zusammenhang auch die im Artikel zitierten Aussagen von Prof. Birgit Völlm. Sie betont einerseits, dass Psychosen infolge von Drogenkonsum oder genetischer Veranlagung entstehen können. Andererseits, dass Schizophrenie gut behandelbar sei und es wirksame Medikamente gebe, ergänzt durch Psychotherapie. Zugleich sagt sie, dass Betroffene häufig nicht in der Lage seien zu begreifen, dass sie krank sind.

Was dabei aus meiner Sicht fehlt, ist eine erweiterte Perspektive: die Erkenntnis, dass psychotische Erfahrungen als Kontinuum verstanden werden und prinzipiell allen Menschen möglich sind (1,2), und dass Psychosen nicht ausschließlich genetisch bedingt sind, sondern auch Ursachen haben können, die im persönlichen Umfeld und in der individuellen Biografie zu finden sind. Ebenso fehlt der Hinweis darauf, dass sich Psychoseanfälligkeit mit Unterstützung des Umfeldes – insbesondere der Familie – deutlich verbessern kann, in manchen Fällen sogar nachhaltig.

Meine Vermutung ist, dass Betroffene dann besonders stark am Wahnkonstrukt festhalten, wenn ihnen keine Hilfe angeboten wird, die sie selbst als hilfreich und zielführend erleben. Der Wahn ist für sie nachvollziehbar. Die Realität hingegen nicht mehr.

Zusätzlich vermute ich, dass viele Betroffene, bevor sie wahnhaft-psychotisch werden, die Welt und sich selbst als zunehmend sinnlos erleben. In der Psychose gewinnt dann alles, was wahrgenommen wird, eine übergroße Bedeutung. Die Welt und das eigene Selbst sind mit einem Schlag wieder voller Sinn.

Wenn Betroffenen diese innere Logik – nämlich Sinn wiederherzustellen, dort, wo er sich zuvor aufzulösen drohte – ausschließlich als Krankheit abgesprochen wird, ohne dass ihre Erfahrungen verstanden oder ernst genommen werden, kann dies meinem Verständnis nach dazu beitragen, dass sich psychotische Zustände verfestigen und chronifizieren.

In unserem persönlichen Freundes- und Bekanntenkreis kennen wir mehrere Menschen mit einer Schizophreniediagnose, die dauerhaft schwer wahnhaft sind oder waren und deren Familien sowie therapeutisches Umfeld sie innerlich bereits aufgegeben haben – als „zu krank“ oder „zu uneinsichtig“. Einige dieser Menschen leben nicht mehr. Um andere machen wir uns Sorgen.

Was mir in der öffentlichen Debatte weiterhin fehlt, ist eine Perspektive, die Betroffene nicht nur beschreibt, sondern ihnen zuhört. Nicht gegen Angehörige oder Fachleute gerichtet, sondern als notwendiges Gegenüber auf Augenhöhe.

Literatur:

  1. van Os, J., Reininghaus, U. Psychosis as a transdiagnostic and extended phenotype in the general population. World Psychiatry 15, 118–124 (2016). doi: 10.1002/wps.20310. ↩︎
  2. Stip, E., Letourneau, G. Psychotic symptoms as a continuum between normality and pathology. Canadian Journal of Psychiatry 54, 140–151 (2009). doi: 10.1177/070674370905400302. ↩︎

Loading

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert